Ich möchte von den schwerwiegenden Auswirkungen und Folgen von emotionalem (Macht)Missbrauch in Psychotherapie berichten. Ich habe gesehen, dass es dazu bereits einen anderen Bericht gibt. Tatsächlich sind meine Erfahrungen fast identisch wie die dort beschriebenen. Ich möchte mit meinem Bericht verdeutlichen, dass dies alles andere als Einzelfälle sind. Ich selbst kenne persönliche mehrere andere Patient*innen, die Ähnliches in Abwandlung erlebt bzw. erlitten haben.
Der erste Problemaspekt bei mir in der Therapie war, dass der Psychotherapeut letztendlich und insgesamt sich mir gegenüber völlig unqualifiziert in seinem Verfahren gezeigt hat. Es fällt mir schwer zu glauben, dass dies bei anderen Patient*innen völlig anders ist. Bei mir hat er einige richtige gute therapeutische Ansätze gehabt, die er aber nicht geschafft hat angemessen therapeutisch und qualifiziert weiterzuverfolgen und langfristig umzusetzen, so dass er in höchst unprofessionelle, grenzüberschreitende und auch schädigende Richtungen abgedriftet ist zu einem Vorgehen gegen alle psychotherapeutischen Grundlagen und gesundheits- und lebensgefährdend.
Für mich noch schlimmer war und ist jedoch das völlig gestörte Beziehungsverhalten, das er mir entgegengebracht hat. Es wechselte von extrem fürsorglicher und kümmernder therapeutischer Nähe mit Empathie und Verständnis hin zu eiskalter, gleichgültiger völliger Distanz mit radikalem gekränktem Rückzug und Unerreichbarkeit (emotional/therapeutisch und teilweise auch den kompletten Kontakt betreffend). Vorher hat er systematisch Zusagen und Versprechung gemacht, Sicherheit und Vertrauenswürdigkeit vermittelt, Zweifel von mir entkräftet und natürlich Schutzmechanismen abgebaut. Er hat die Wichtigkeit von ihm als Bezugspersonen erklärt und auf seine professionelle Einschätzung verwiesen, um dann die schlimmsten Lebensbefürchtungen und -ängste von mir zu bewahrheiten.
Letztendlich war das Verhalten des Therapeuten mir gegenüber höchst narzisstisch und erinnert an borderline-ähnliches Verhalten. Er konnte wohl mit meiner Kritik an seinem fachlich oft höchst fragwürdigen bzw. unprofessionellem Vorgehen nicht umgehen.
Irgendwann wurde es dem Therapeut wohl alles zu lästig, also hat er mich vor die Tür gesetzt. Er hat die Therapie und damit die therapeutische Beziehung am Telefon abgebrochen, abrupt von jetzt auf gleich, ohne Vorankündigung, ohne Erklärung und therapeutische Begründung, ohne Besprechung und Reflexion, ohne Berücksichtigung, was der plötzliche und abrupte Therapie- und Beziehungsabbruch für meine Gesundheit bedeutet, welche Folgen er für mich hat, welche (irreversiblen) Schäden er verursacht. Das Spielzeug wurde entsorgt. Wir haben danach nie wieder persönlich gesprochen, nach ein paar weiteren Telefonaten hat er angefangen sich „tot zu stellen“.
Das ist völlig legal, weil Psychotherapeut*innen Behandlungen jederzeit abbrechen dürfen und sogar sollen, wenn „es nicht mehr läuft“. Darauf wird sich dann halt auch berufen, wenn der Missbrauch nicht mehr gut genug läuft oder wenn die Psychotherapeut*innen allgemein keine Lust mehr haben. Es gibt keinerlei vorgegebene „Rahmenbedingungen“ für solche Abbrüche. Zwar ist vorgeschrieben, dass Patient*innen im Notfall und bei weiterhin dringend indizierter Behandlung nicht ohne eine anderweitige Behandlungsoption zurückgelassen werden dürfen, aber das wird nicht kontrolliert.
Ich konnte trotz mehrerer Versuche nicht gehen aufgrund der vom Therapeuten aufgebauten engen Bindung, des auch existierenden therapeutisch Guten in der Behandlung und fehlenden Alternativen, nach denen ich mich auch schon während der Behandlung umgeschaut hatte. Mir blieb also nicht anderes als zu versuchen, das Schlimme ab- und das Gute auszubauen.
Für Patient*innen in Psychotherapie ist es grundsätzlich schwerer Missbrauch zu erkennen und wahrzuhaben, zumal mal sich bei angeblich Professionellen endlich mal in Sicherheit vor so etwas glaubt. Wenn dann noch andere parallel behandelnde Fachkräfte (die einiges der Vorfälle mitbekommen) nicht einschreiten und bei allen geäußerten Zweifeln der Patient*innen den*die jeweilige Therapeut*in verteidigen, ist man als Patient*in endgültig ohnmächtig den Vorgängen ausgeliefert.
Für mich war der Abbruch letztendlich und endgültig die Vollendung der Wiederholung all meiner Traumatisierungen, in denen mein Therapiebedarf begründet liegt, und er hat zusätzlich sogar bisher unerfüllte existenzielle Ängste von mir nun auch noch wahrwerden lassen, er hat es also noch schlimmer als meine ursprüngliche Geschichte gemacht.
Für mich hätte es auf emotionaler Ebene therapeutisch nicht schlimmer laufen können, weil der Bindungsaspekt bei mir ganz zentral ist und auf Bindungsebene die schlimmstmöglichen (Re)Traumatisierungen stattgefunden haben.
Daher wäre es für mich auch existenziell wichtig, dass es eine Aufarbeitung der Geschehnisse mit dem Therapeuten gibt, dass er offen dafür ist, was er mir zugefügt hat, er erklärt und reflektiert wird, warum es dazu kommen musste, und dass überlegt wird, wie es für mich weitergehen kann, wie ich darüber hinwegkommen kann. Der Therapeut verweigert dies seit Jahren strikt. Es gibt auch NICHTS an therapeutischer Unterstützung von außen, um dies zu ermöglichen.
Für mich ist es emotional in gewisser Hinsicht ein Gefängnis, aus dem ich nicht herauskomme. Ich trete in mancher Hinsicht auf der Stelle, von der ich – trotz allergrößter Bemühungen und Engagement über die Maßen meinerseits – nicht wegkomme. Wenn es um Bindungsaspekte geht, ist halt nicht ALLES alleine zu bewältigen.
Auch noch während der laufenden Therapie habe ich bereits an verschiedenen Stellen versucht Hilfe und Unterstützung zu erhalten dabei, dass sich die Behandlung zum Positiven hin verändern lässt. Ich habe nichts an ernsthafter Unterstützung erhalten. Eine Psychotherapeutin, die von außen Einfluss auf die Therapie genommen hat, hat mit ihrem Einfluss sogar noch die endgültige Kehrtwende zum völligen Abdriften des mich behandelnden Therapeuten in völlig zerstörerische Vorgehens- und Verhaltensweisen herbeigeführt.
Auch seit dem Abbruch – er ist mehrere Jahre her – habe ich NICHTS an therapeutischer Hilfe erhalten und insgesamt erst nach Jahren sehr bedingt irgendetwas an Hilfe aus anderen fachlichen Bereichen. Diese können die Folgen in ihrem Ausmaß jedoch in keinster Weise auffangen. Bis heute fehlt mir Unterstützung, um die Verletzungen aus der Therapie zu überstehen und meinen ursprünglichen Therapiebedarf betreffend. Das alles, obwohl ich wirklich „jeden Stein umgedreht habe“ auf der Suche nach Hilfe. Ich habe kontaktiert: Die Krankenkasse, die Kassenärztliche Vereinigung, die Kammer (den Therapeuten betreffend), mehrere Kammern (die Umstände allgemein betreffend), die Unabhängige Patientenberatung Deutschlands, Patientenombudspersonen, Frauennotruf, weitere (Frauen)Beratungsstellen, zahlreiche andere Psychotherapeut*innen in der Region (welche, die den Therapeuten kennen und welche, die ihn nicht kennen), den Ethikverein sowie die Vertrauensleute eines Berufsverbandes. Es gibt keine Folgetherapie und keine Hilfe, dass es zur Aufarbeitung mit dem Therapeuten kommt. Diese wäre für mich als Betroffene wesentlich wichtiger als irgendwelche rechtlichen Konsequenzen für den Therapeuten. Letztere sind ohnehin ziemlich illusorisch, da Beschwerdevorgänge (außer natürlich bei der Psychotherapeutenkammer, die aber letztendlich nur die Interessen von Psychotherapeut*innen zu vertreten scheint) nicht auf Vorfälle in Psychotherapie und noch weniger auf Vorfälle auf emotionaler Ebene ausgerichtet sind. Jedoch werden solche unpassenden Beschwerdevorgänge Patient*innen als einziges Vorgehen überhaupt angeboten, therapeutische Aufarbeitung ist nicht vorgesehen. Diese wäre jedoch auch für andere Patient*innen viel wichtiger, damit ein Bewusstsein für vorhanden Fallstricke und alle Gefahren von Missbrauch in Psychotherapie entsteht, zur Prävention und zum angemessenen Umgang mit trotzdem geschehenem Missbrauch. Es würde insgesamt ziemlich wenig bringen, wenn einzelne Psychotherapeut*innen irgendwelche „Bestrafungen“ erhalten, ohne das überhaupt verstanden wird, welche (teilweise auch tragischen) Mechanismen dahinterstecken mit welchen dramatischen Konsequenzen für die Patient*innen. Es fehlt insgesamt schlichtweg völlig eine gesunde Fehlerkultur, denn natürlich lassen sich auch in Psychotherapie Fehler nicht vollständig verhindern.
Je mehr Hilfe man als Betroffene sucht, umso mehr wird man zur Belästigung erklärt, man hat schweigend zugrunde zu gehen. In allerbester Täter-Opfer-Umkehr-Manier wird die Schuld oder zumindest die Ursache für den Missbrauch immer wieder und besonders von anderen Psychotherapeut*innen bei den Patient*innen gesucht und lokalisiert. Teilweise werden einem noch völlig absurde Störungen angehängt.
Wenn man als Patient*in dann nicht aufhört dem*r jeweiligen Psychotherapeut*in sowie anderen Psychotherapeut*innen mitzuteilen, wie schlimm es einem geht aufgrund dessen, was mit einem von psychotherapeutischer Seite gemacht wurde und wird, lassen die Psychotherapeut*innen die Patient*innen (notfalls mit anwaltlicher Unterstützung) zur Bedrohung erklären.
Der Aspekt von fehlenden neuen Therapien/Folgetherapien ist ein einzelnes Thema für sich.
Rückblickend ging es wohl (fast?) nur um die Bedürfnisse des Therapeuten (zumindest habe ich bis heute keine andere Erklärung erhalten). Diese passten bloß nicht selten zu meinem Wohl, so dass ich lange geglaubt habe, es ginge doch um mich, meine Gesundheit, mein Wohl. Wenn mein Wohl und seine Bedürfnisse sich unterschieden, ging er aber immer entsprechend seiner Bedürfnisse vor. Wie traumatisch und schädlich das für mich war, wurde ignoriert oder hingenommen.
Dies gilt auch für die Zeit nach der eigentlichen Behandlung, da auch seit dem Therapieabbruch keine Berücksichtigung findet, was ich existenziell fürs Leben brauche und wie weiter schädigend die seit dem herrschenden Zustände für mich sind. Ebenso gilt dies für das ganze „Drumherum“, für fast alle anderen Personen und alle anderen Stellen außerhalb des Psychotherapeuten selbst.
Für mich ist es nicht vorbei, für mich geht die Katastrophe, die Schädigung, das Leid, gehen die Konsequenzen und die Schmerzen unaufhörlich weiter.
Das Vorgehen von Psychotherapeut*innen verschlechtert nicht nur die psychische Gesundheit der betroffenen Patient*innen immer weiter, es führt in der Folge auch zu organischen Beschwerden und insgesamt physischer Gesundheitsverschlechterung. Der Schaden für die betroffenen Patient*innen ist nicht mit Worten zu beschreiben. Es werden Leben und Persönlichkeit zerstört, teilweise unwiderruflich.
Aber es entsteht auch Schaden über die konkreten Patient*innen hinaus: Das alles führt zu weiteren Kosten für die Krankenkassen und anderer öffentlichen Gelder, wenn die Beeinträchtigungen und der Hilfebedarf der Patient*innen zunimmt, bis hin zu Arbeitsunfähigkeit. Psychotherapeut*innen zerstören mit ihrem Vorgehen nicht nur die jeweiligen Patient*innen, sondern belasten auch die Gesellschaft insgesamt. Und es ist kein Ende in Sicht, weil niemand (Kammern, Krankenkassen, Kassenärztliche Vereinigung, psychotherapeutische Berufsverbände, etc.) beabsichtigt, irgendetwas zu tun, sich irgendwie damit zu beschäftigen und Veränderungen anzugehen.
Zunächst einmal braucht es eine qualitativ bessere Ausbildung von Psychotherapeut*innen, fachlich therapeutisch gesehen und die Aufarbeitung der eigenen Lebensgeschichte betreffend. Anscheinend braucht es auch eine Art Erfolgskontrolle der Selbsterfahrung während der Ausbildung.
Es braucht irgendeine Prüfung der menschlichen Eignung für den Beruf.
Es braucht dringend, dass sich mal individuell an den Therapiebedarfen der einzelnen Patient*innen orientiert wird, dass Patient*innen als Experten für sich selbst respektiert werden, die auch eine eigene Sicht haben, was gut für sie ist und was ihnen schadet (dass das aber nicht gleich bedeutet, dass man eine narzisstische Störung oder Ähnliches hätte, nur weil man eine eigene Wahrnehmung und eigne Gedanken dazu hat) und dass nicht jede*r Patient*in jenseits von völliger Unterwerfung der (oft völlig pauschalen und nicht selten veralteten) Auslegung der „Götter in Weiß“ als Bedrohung wahrgenommen wird, die um alles von einem ferngehalten werden muss. Es braucht Psychotherapeut*innen, die bereit sind, jede*n Patient*in individuell kennenzulernen und offen zu sein für Neues sowie neue therapeutische Erkenntnisse mit einzubeziehen und nicht festhängen in Altbekanntem und nur in therapeutischen Welten von vor 100 Jahren.
Es braucht präventive Schulung verpflichtend für alle Psychotherapeut*innen zu (Macht)Missbrauch in seinen verschiedenen Formen.
Es braucht Hilfe, die aufgesucht werden kann, wenn es in der Therapie Probleme gibt, für Patient*innen und für Therapeut*innen. In letztere Fall müssen alle beteiligten Fachkräfte aber bei den Ratschlägen unter Kolleg*innen auch das Wohl und die Gesundheit der Patient*innen mit berücksichtigen und nicht nur den für die behandelnden Therapeut*innen bequemsten Weg anstreben und dafür über die Leichen der Patient*innen gehen.
Allgemein braucht es, dass Hilfe für Psychotherapeut*innen parallel zu ihrer Berufsausübung kein Tabu, sondern der Normalfall ist. Wenn der Beruf angemessen ausgeübt wird, kann er eine enorme Belastung bedeuten. Ferner muss diese Hilfe dann qualitativ und therapeutisch angemessen sein, orientiert an den individuellen Umständen der jeweiligen hilfesuchenden Psychotherapeut*innen und den von ihnen behandelten Patient*innen und nicht an irgendwelchen pauschalen und veralteten Dogmen der vor Ort existierenden psychotherapeutischen Gemeinschaft. Dies gilt auch für kollegialen Austausch unter Psychotherapeut*innen allgemein, in Intervision, etc.. Psychotherapeut*innen müssen individuelles, modernes, innovatives Vorgehen gutheißen und unterstützen und nicht verurteilen und zerstören.
Es braucht Menschen, die eingreifen, und zwar hilfestellend für alle Beteiligten, konstruktiv, gesundheitsfördernd.
Es braucht Angebote zur therapeutischen Aufarbeitung von geschehenem Missbrauch und die Sicherstellung von Folgetherapien.
Es braucht auch ein Beschwerdewesen, dass schwerwiegende berufliche Konsequenzen bei (Macht)Missbrauch in Psychotherapie für die jeweiligen Psychotherapeut*innen ermöglicht, zumindest, wenn Reflexion, Aufarbeitung, Lernbereitschaft und weitere Qualifizierung von den jeweiligen Psychotherapeut*innen verweigert wird. (Natürlich gibt es auch Fälle von Missbrauch in Psychotherapie, die unmittelbar zu ernsthaften Konsequenzen führen müssen.)
Es braucht, dass Therapieabbrüche durch Psychotherapeut*innen begründet werden müssen und nur erlaubt werden, wenn sie unter keinen Umständen vermeidbar sind. Auch dann müssen sie immer unter Berücksichtigung, was der Abbruch für die Patient*innen bedeutet, welche Folgen er für sie hat, was die Patient*innen brauchen, welches Vorgehen das Beste zu ihrem gesundheitlichen Wohl ist, durchgeführt werden. Sie müssen entsprechend der individuellen Umstände bei den einzelnen Patient*innen gestaltet werden, z.B. Therapie langsam auslaufen lassen, unter Berücksichtigung davon, wie es für Patient*in weitergehen kann, offene Reflexion, was ist und wie es weitergehen kann. Es muss eine Sicherstellung und Gewährleistung einer Weiterbehandlung woanders geben, wenn diese erforderlich ist.
Es braucht, dass alle Stellen im Kontext von Psychotherapie, allen voran die Kammern (Ärztekammer und Psychotherapeutenkammer) und die Berufsverbände, aber auch die Krankenkassen, die Kassenärztliche Vereinigung, etc. eine ernsthafte Bereitschaft aufbringen, die Thematik anzugehen und Missbrauch ausgeübt durch Psychotherapeut*innen entgegenzuwirken und im Rahmen davon Strukturen aufbauen, die einen angemessenen Umgang mit jeder möglichen Form von (Macht)Missbrauch in Psychotherapie überhaupt ermöglichen.
Es braucht grundsätzliche Qualitätskontrollen von Psychotherapeut*innen jenseits der Kammern, die Interessenvertretungen ihrer Mitglieder sind.
Offensichtlich braucht es unter allen Beteiligten im System zunächst einmal die Motivation, ihren Beruf orientiert am Wohl und der Gesundheit von Patient*innen auszuüben und nicht orientiert an eigenen Wünschen, Vorstellungen und Bedürfnissen. Dies ist zwar eigentlich gesetzlich vorgegeben, wird aber nur in seltenen Fällen so ausgeführt.