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2024-568

Gewalt unter Geburt

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Fallbeschreibung:

Gewalt unter der Geburt: Fehlende Aufklärung & Kommunikation

Vor vielen Jahren kam mein Sohn in der Nacht als SGA-Frühchen zur Welt. Wir waren vorab in der Schwangerenambulanz wegen geringem Geburtsgewicht und einem beidseitigen Nierenstau in engmaschiger Überwachung.

Am xx.xx wurden wir gebeten, wegen der Entwicklung uns am nächsten Tag im Kreißsaal zur Einleitung vorzustellen. Ich befand mich zu dem Zeitpunkt in der 38. Schwangerschaftswoche, das geschätzte Gewicht lag bei 1800 g.

Trotz dieser Diagnosen wurde die Geburt mit einem Ring eingeleitet, was sehr schmerzhaft war und mir vorab nicht gut kommuniziert wurde. Nach einem Tag begannen die Wehen in der Nacht ohne Unterlass (Wehensturm), und ich begab mich (bereits stationär aufgenommen) direkt in den Kreißsaal. Die Schwester auf der Wöchnerinnenstation hatte außerdem den Kreißsaal über unser Kommen informiert.

Anstatt uns freundlich zu begrüßen, wurden wir mit einem ruppigen „was ist los?“ von der Diensthabenden Hebamme begrüßt. Nach der Aufnahme in einem Untersuchungszimmer zog mir die Hebamme ohne Ankündigung Hose und Unterhose herunter, um mich wortlos vaginal zu untersuchen. Als ich sie erschrocken anschaute, raunzte sie mich an: „Da soll das Baby ja wohl auch rauskommen?“.

Nachdem das CTG schlecht war, wurde ich mit den Worten „Sehen die Herztöne von ihrem Kind immer so komisch aus?“ auf eine Sectio vorbereitet. Da ich bereits Wehen hatte, bekam ich Wehenhemmer. Diese wirkten jedoch nicht sofort und als ich im OP noch Krämpfe hatte und mir sehr kalt war, hielt mir die Hebamme die Beine fest und herrscht mich an: „Stellen Sie sich jetzt mal nicht so an.“

Mein Sohn wurde per Sectio unter PDA geholt, er atmete nicht sofort und musste beatmet werden. Ich wurde über nichts informiert und habe nachgefragt, warum ich mein Kind nicht schreien höre. Anstatt mir zu antworten, bekam ich vom Anästhesisten wortlos etwas in den Zugang gespritzt (die beiden Anästhesisten hatten sich vorher zugenickt).

Mein Mann wurde auf den Flur geschickt, um unsere Sohn vor Verlegung auf die Neugeborenenintensivstation noch sehen zu können. Im Kreißsaal stabilisierte er sich aber und begann selbständig zu atmen, sodass ein Bonding im Kreißsaal (sehr kurz, ohne Hautkontakt, aber immerhin ans Gesicht halten und mit ihm sprechen) mit mir möglich war. Mein Mann stand die ganze Zeit wartend auf dem Flur. Meinen Sohn wurde um 4 Uhr morgens geboren und ich durfte ihn auf der Frühchenstation gegen Mittag das erste Mal besuchen, obwohl er die ganze Zeit stabil war.

Auf dem Arm gehalten habe ich ihn das erste Mal am Tag nach seiner Geburt. Vom Stillen wurde ich abgehalten, zu Untersuchungen mit der Urologin wegen des Nierenstaus wurden wir weder geholt noch informiert, obwohl wir im Haus waren, wir haben davon im Entlassbericht erfahren. Das war alles in allem ein traumatisierenden Erlebnis.

Die gute Nachricht: unser Sohn geht ins Gymnasiums, spielt Geige und Fußball und ist eine Freude, genauso wie sein Bruder. Dennoch wünsche ich niemandem diese Erfahrung. Ich habe mich an vielen Stellen ohnmächtig und schlecht informiert gefühlt, obwohl ich selbst im Gesundheitssektor arbeite.

Gut gelaufen:

dass wir unsere eigene Stärke als Familie und Paar gelernt und behalten haben und uns durchgesetzt haben.

Schlecht gelaufen:

die Misskommunikation, die Gewalt unter der Geburt durch die Hebamme, das fehlende Rooming in, die Trennung vom Kind

Verbesserungsvorschläge:

Kommunikation, Kinder nicht von ihren Eltern trennen!

Weitere Infos:

Keine Angaben

Präventionsmaßnahmen:

Was in solchen Situationen passieren kann

Geburt ist ein einschneidendes Erlebnis – körperlich, emotional und als Familie. Wenn in dieser besonders verletzlichen Situation Kommunikation fehlt, Eingriffe ohne Ankündigung erfolgen und die eigene Stimme nicht gehört wird, kann das tiefe Spuren hinterlassen. Solche Erfahrungen sind keine Kleinigkeit, und es ist wichtig, sie ernst zu nehmen.

Der geschilderte Fall zeigt mehrere Situationen, in denen medizinische Handlungen ohne vorherige Erklärung oder Einholung des Einverständnisses stattfanden – zum Beispiel eine vaginale Untersuchung ohne Ankündigung, eine nicht erklärte Medikamentengabe sowie fehlende Information über den Zustand des Kindes unmittelbar nach der Geburt. Gleichzeitig war die Betroffene durch Wehenschmerzen, Erschöpfung und eine akute medizinische Situation in ihrer Handlungsfähigkeit stark eingeschränkt. In weiten Teilen dieser Nacht gab es für sie keinen realistischen Spielraum, aktiv einzugreifen – das ist wichtig anzuerkennen.

Was Angehörige oder Begleitpersonen tun können

Eine Begleitperson kann in solchen Momenten eine wichtige Rolle übernehmen – nicht als Kontrollinstanz, sondern als ruhige, wahrnehmende Präsenz.

  • Eine Begleitperson kann Fragen stellen, wenn die Gebärende selbst gerade nicht in der Lage dazu ist – zum Beispiel: „Können Sie uns kurz erklären, was Sie jetzt tun werden?“ oder „Wie geht es dem Kind – können Sie uns das sagen?“
  • Es ist möglich, im Vorfeld gemeinsam zu besprechen, welche Wünsche und Grenzen für die Geburt bestehen – und diese auch schriftlich im Geburtsplan festzuhalten, sodass die Begleitperson weiß, worauf sie im Zweifelsfall hinweisen kann.
  • Wenn eine Begleitperson das Gefühl hat, dass etwas Wichtiges nicht kommuniziert wird – etwa über den Zustand des Kindes –, kann sie ruhig und direkt nachfragen: „Wir würden gerne wissen, wie es unserem Kind geht. Wer kann uns das jetzt sagen?“
  • Auch nach der Geburt kann die Begleitperson aktiv einfordern, in wichtige Entscheidungen – zum Beispiel über Verlegung des Kindes oder Möglichkeiten des ersten Kontakts – einbezogen zu werden.

Für die Zukunft: Was sich vorbereiten lässt

  • Ein Geburtsplan – ein kurzes Dokument mit persönlichen Wünschen und Grenzen für die Geburt – kann im Vorfeld mit der Hebamme oder dem Geburtsmedizinischen Team besprochen werden. Darin lässt sich zum Beispiel festhalten, dass Untersuchungen vorher angekündigt werden sollen.
  • Vor einer geplanten Einleitung oder einem geplanten Eingriff ist es möglich, gezielt zu fragen: „Was genau wird gemacht, wie fühlt es sich an, und gibt es Alternativen?“ – das Recht auf diese Information ist gesetzlich verankert (informierte Einwilligung, auch „Informed Consent“ genannt).
  • Das Recht auf eine Begleitperson während der gesamten Geburt – auch im Operationssaal, soweit medizinisch vertretbar – lässt sich im Vorfeld mit der Einrichtung klären und schriftlich festhalten.
  • Nach belastenden Geburtserlebnissen gibt es spezialisierte Anlaufstellen für psychologische Nachsorge und Geburtsverarbeitung – zum Beispiel Hebammen mit Fortbildung in Traumabegleitung oder psychosoziale Beratungsstellen.

Sie sind nicht allein

Wer eine belastende Erfahrung rund um Geburt oder Krankenhausaufenthalt erlebt hat, kann sich an die Unabhängige Patientenberatung Deutschland (UPD) wenden – kostenlos, vertraulich und ohne bürokratische Hürden. Auf mehr-patientensicherheit.de ist es außerdem möglich, eigene Erfahrungen anonym zu berichten und damit dazu beizutragen, dass solche Situationen künftig besser erkannt und verhindert werden.

Infos zum Fall:

Perspektive: Patientin oder Patient
Alter: 30-49 Jahre
Art der Einrichtung:Krankenhaus, Geburt, Krankenhaus, Kreißsaal
Geschlecht: weiblich

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Jeder einzelne Bericht hilft die Patientensicherheit zu verbessern und konkrete Tipps daraus abzuleiten. Bitten haben Sie dafür Verständnis, dass wir aufgrund der hohen Fallzahlen nicht mehr alle Berichte veröffentlichen und individuell kommentieren. Wir sichten aber jeden einzelnen Bericht und aus jedem Fall nutzen wir wichtige Inhalte für unsere Tipps, Fokusfälle und Erklärfilme. Die bisher erstellten Dokumente auf Basis Ihrer Fälle finden Sie hier:

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