Icon Mehr-Patientensicherheit
2024-177

Lebensbedrohliche Erkrankung übersehen, ohne Untersuchung stattdessen Münchhausen diagnostiziert

Dieser Fall hilft die Patientensicherheit für alle zu verbessern. Sie möchten ebenfalls einen Fall melden? Zum Meldeformular

Fallbeschreibung:

Fehldiagnose Münchhausen: Schwere Erkrankung nicht erkannt

Aufgrund von starken Blutdruckentgleisungen wurde ich auf Weisung meines Hausarzt / meiner Hausärztin ins Krankenhaus gesendet, parallel hatte ich eine Nasennebenhöhlenentzündung. Der Arzt / Die Ärztin in der Notaufnahme war nett, ich kam auf Normalstation.

Am nächsten Tag kam der Arzt / die Ärztin und sagte mir ohne Untersuchung, dass ich psychisch krank sei und körperlich gesund. Die mitgebrachten Befunde, auch vom Zentrum für seltene Erkrankungen, schaute er / sie sich nicht an, ebenso untersuchte er / sie mich nicht. Ich bat ihn / sie, mir bitte zu helfen und sagte, dass ich bleiben möchte – er / sie lachte mich aus und sagte, dass ich psychologische Hilfe bräuchte.

Ich bat ihn / sie, meinen Arzt / meine Ärzte anzurufen oder sich die Unterlagen anzusehen, er / sie tat es nicht. Mich hat das Erlebnis schwer traumatisiert und dazu geführt, dass ich Angst hatte; Gefässspezialisten aufzusuchen. Einen Arztbrief habe ich nie erhalten, ein Jahr später hat ihn mir eine in dem Krankenhaus tätige Freundin ausgedruckt.

Der Arzt / die Ärztin hatte dort geschrieben, ich habe das Münchhausen-Syndrom. Die Symptome waren einer schweren Dysautonomie geschuldet sowie einem Gendefekt, von dem ich im Jahr darauf erfahren habe. Als ich mich wieder zu einem Gefässarzt getraut habe, wurde eine massive Fibrose festgestellt, die nun nicht mehr operabel ist und mich das Leben kosten wird. Hätte mich der Arzt / die Ärtzin damals ernst genommen, hätte ich noch operiert werden können.

Gut gelaufen:

Nichts.

Schlecht gelaufen:

Es wurde keine zweite Meinung eingeholt, die Unterlagen wurden nicht gesichtet, meine Ärzte / ÄrztInnen nicht angerufen. Fakten wurden nicht berücksichtigt, es fand keine Sozialanamnese statt. Auch bei Verdacht auf Münchhausen hätte ich ja trotzdem Hilfe verdient… der Arzt / die Ärtzin hat sich über mich lustig gemacht, was respektlos ist und niemandem zusteht. Ich habe mich danach an die Klinikleitung gewendet, die nicht reagiert haben, nun habe ich auf Anraten meines Hausarzt / meiner Hausärztin einen Anwalt / eine Anwältin beauftragt, damit der Brief gelöscht wird. Gewünscht hätte ich mir, dass der Arzt / die Ärztin und die Abteilung sensibilisiert werden. Ich bin Führungskraft und bekannt in der Stadt, in der ich lebe und auf meine Behandlung hatte dieser Arztbrief keine Auswirkungen, aber andere Personen haben nicht so viele Kontakte und werden infolgedessen nicht mehr ernst genommen. Medical Gaslighting ist ein reales Problem mit wenig Hilfsmöglichkeiten für die Betroffenen, in Kliniken fehlen Schutzkonzepte. Psychische Erkrankungen ohne Diagnostik zu stellen, kann ganze Existenzen zerstören oder zu drastischer Fehlbehandlung führen.

Verbesserungsvorschläge:

Schutzkonzepte in Kliniken / Sozialanamnese einbeziehen / HausärztInnen oder behandelnde FachärztInnen hinzuziehen / Konsequenzen und aber auch Sensibilisierung für MedizinerInnen / Beschwerdestelle für PatientInnen / Beratungsstellen für Medical Gaslighting

Weitere Infos:

Vielleicht können Sie eine Beratungsstelle einrichten, die Kontakt zu solchen Kliniken aufnimmt, anwaltliche Unterstützung ist meist nur finanziell privilegierten PatientInnen vorbehalten.

Präventionsmaßnahmen:

Was in solchen Situationen passieren kann

Dieser Fall beschreibt eine außerordentlich belastende Erfahrung: Eine junge Frau wurde mit schweren körperlichen Symptomen stationär aufgenommen – und erhielt am nächsten Tag eine psychiatrische Diagnose, ohne dass eine Untersuchung stattfand oder mitgebrachte Befunde gesichtet wurden. Was folgte, hatte schwerwiegende gesundheitliche Konsequenzen. Das Erleben, mit ernsthaften Beschwerden nicht ernst genommen zu werden, ist eine tiefe Verletzung – und in diesem Fall mit dauerhaften körperlichen Folgen verbunden.

In einer Situation wie dieser – als Patientin auf einer Normalstation, in einem Gespräch mit einer behandelnden Person, die Unterlagen ablehnte und Bitten nicht nachkam – gab es für die Betroffene keinen realistischen Spielraum, die Entscheidung zu verhindern. Das ist wichtig anzuerkennen: Was hier geschah, lag nicht in der Verantwortung der Patientin.

Was Angehörige oder Begleitpersonen in solchen Situationen tun können

  • Wenn eine stationär aufgenommene Person signalisiert, dass ihre Unterlagen nicht gesichtet oder ihre behandelnden Ärztinnen und Ärzte nicht kontaktiert werden, kann eine Begleitperson aktiv nachfragen – zum Beispiel beim Pflegepersonal oder der Stationsleitung: „Gibt es eine Möglichkeit, dass jemand die mitgebrachten Vorbefunde sichtet, bevor eine Diagnose gestellt wird?“
  • Es ist möglich, als Begleitperson darum zu bitten, bei Gesprächen mit dem ärztlichen Personal anwesend zu sein – das kann helfen, Inhalte zu dokumentieren und spätere Unklarheiten zu klären.
  • Inhalte von Arzt-Patienten-Gesprächen lassen sich direkt im Anschluss stichpunktartig festhalten – Datum, Name der behandelnden Person, wesentliche Aussagen. Diese Notizen können bei späteren Beschwerden hilfreich sein.
  • Wenn eine psychiatrische oder psychologische Diagnose im Raum steht, ist es möglich, ausdrücklich um eine fachärztliche Abklärung (das heißt: eine Beurteilung durch eine spezialisierte Fachperson) zu bitten – und dies ebenfalls zu dokumentieren.

Für die Zukunft: Was sich vorbereiten lässt

  • Wichtige Vorbefunde, Arztbriefe und Befundberichte – insbesondere von spezialisierten Zentren – lassen sich in einer übersichtlichen Mappe oder digital aufbewahren und bei jedem Krankenhausaufenthalt mitbringen. Eine kurze Zusammenfassung der wichtigsten Diagnosen und Behandlungen auf einem einzelnen Blatt kann das Verstehen erleichtern.
  • Patientinnen und Patienten haben das Recht, Einsicht in ihre Krankenakte zu nehmen und Kopien ihrer Unterlagen zu erhalten – dieser Anspruch ist gesetzlich verankert und kann jederzeit geltend gemacht werden, auch rückwirkend.
  • Bei einem Krankenhausaufenthalt ist es möglich, frühzeitig den Patientenfürsprechenden (eine unabhängige Person, die im Krankenhaus Beschwerden aufnimmt) zu kontaktieren – viele Kliniken sind gesetzlich verpflichtet, eine solche Stelle einzurichten.
  • Wenn eine Beschwerde nach einem Krankenhausaufenthalt nicht gehört wird, gibt es unabhängige Anlaufstellen: die Unabhängige Patientenberatung Deutschland (UPD) berät kostenlos und vertraulich zu Rechten im Gesundheitswesen.

Sie sind nicht allein

Erfahrungen wie diese – das Gefühl, mit körperlichen Beschwerden nicht ernst genommen zu werden – sind kein Einzelfall, und es gibt Stellen, die zuhören und unterstützen. Die Unabhängige Patientenberatung Deutschland (UPD) ist kostenlos erreichbar und hilft dabei, Rechte zu verstehen und Beschwerden einzuordnen. Auf mehr-patientensicherheit.de ist es außerdem möglich, eigene Erfahrungen anonym zu melden – damit solche Fälle sichtbar werden und zur Verbesserung der Versorgung beitragen können.

Infos zum Fall:

Perspektive: Patientin oder Patient
Alter: 15-29 Jahre
Art der Einrichtung:Normalstation, Krankenhaus
Geschlecht: weiblich

Vielen herzlichen Dank für Ihren wichtigen Fallbericht!

Jeder einzelne Bericht hilft die Patientensicherheit zu verbessern und konkrete Tipps daraus abzuleiten. Bitten haben Sie dafür Verständnis, dass wir aufgrund der hohen Fallzahlen nicht mehr alle Berichte veröffentlichen und individuell kommentieren. Wir sichten aber jeden einzelnen Bericht und aus jedem Fall nutzen wir wichtige Inhalte für unsere Tipps, Fokusfälle und Erklärfilme. Die bisher erstellten Dokumente auf Basis Ihrer Fälle finden Sie hier:

Icon Pfeil nach unten

Wählen Sie eines der anderen Themen

Wählen Sie das Thema aus, das zu Ihrem Fall am besten passt oder über welches Sie weitere Informationen und berteits veröffentlichte Fälle lesen möchten. Alternativ können Sie Ihren Fall auch direkt über das Meldeformular berichten.
Ersatzkassen des vdek

Die Betriebskrankenkassen:

Ihre Meinung hilft uns!
Bitte helfen Sie mit das Portal weiter zu verbessern, damit unsere Maßnahmen zur Verbesserung der Patientensicherheit noch mehr Menschen erreichen.

Wie gefällt Ihnen unser Portal insgesamt?

Wie gefällt Ihnen unser Portal insgesamt?

Zurücksetzen

Haben Sie auf unserem Portal hilfreiche Informationen zur Patientensicherheit gefunden?

Haben Sie auf unserem Portal hilfreiche Informationen zur Patientensicherheit gefunden?

Zurücksetzen

Was gefällt Ihnen an unserem Portal besonders gut?

Was gefällt Ihnen an unserem Portal besonders gut?

Zurücksetzen

Was gefällt Ihnen an unserem Portal nicht so gut? Welche Verbesserungsvorschläge haben Sie?

Was gefällt Ihnen an unserem Portal nicht so gut? Welche Verbesserungsvorschläge haben Sie?

Zurücksetzen
Ihre Meinung 2/2

Wie sind Sie auf unsere Website aufmerksam geworden?

Wie sind Sie auf unsere Website aufmerksam geworden?

Zurücksetzen

Welche Themen haben Sie auf unserer Website interessiert?

Welche Themen haben Sie auf unserer Website interessiert?

Zurücksetzen

Wichtige Mitteilung:

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Patient:innen und Angehörige,

Vielen Dank für Ihre wichtigen Meldungen. Unser System ist aufgrund der zahlreichen Eingänge im Moment an der Belastungsgrenze. Es ist daher zur Zeit nicht möglich, eine Meldung abzugeben. Wir arbeiten daran, das Problem zu lösen. Bitte versuchen Sie es in wenigen Stunden wieder.

Vielen Dank für Ihr Verständnis, Ihr Mehr-Patientensicherheit-Team