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2024-858

Unter Geburt nicht ernstgenommen

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Fallbeschreibung:

Geburtssicherheit: Wenn Schmerzsignale ignoriert werden

Es ist Mitternacht. Ich werde in einen Kreißsaal geführt. Mein Mann sagt „Jetzt ist der unser Hochzeitstag. Um die Schmerzen besser aushalten zu können, bitte ich darum, in Badewanne zu können. Ich komme in die Wanne, die Schmerzen werden dieses Mal aber nicht wirklich signifikant besser, im Gegenteil.

Dieses Mal möchte ich nicht lange leiden, ich lasse mir direkt Meptid geben, auch das macht die Schmerzen nicht wirklich deutlich besser. Kurz darauf misst Hebamme 1 nochmal vaginal nach: Ich bin nun bei 3-4cm Muttermundsöffnung- man kann mir nun eine PDA geben. Die PDA macht, dass die Schmerzen weg sind. Hebamme 1 deckt mich zu und sagt uns, dass wir etwas schlafen sollen. Sie geht weg. Das versuche ich nun- aber nur circa 10min später platzt meine Fruchtblase. Wir rufen wieder Hebamme 1. Sie kommt und macht unter mir sauber, sie sagt, dass Fruchtwasser sei grün, das sei aber nicht schlimm.

Sie misst nach: 5-6cm Muttermundsöffnung. Sie sagt mir, dass das richtig super sei. Sie wiederholt immer wieder, wie toll ich das machen würde. Gefühlt mit dem Platzen der Fruchtblase bekomme ich das Bedürfnis, zu pressen. Ich soll allerdings noch anhalten. Zwischenzeitlich wird die PDA nochmal aufgespritzt, dies hilft allerdings nicht gegen den Drang, zu pressen. Hebamme 1 misst irgendwann nochmal nach, ich bin bei 9cm Muttermundsöffnung, da sei nur noch ein „kleiner Rand“, deswegen solle ich den Pressdrang noch anhalten. Das Anhalten ist schlimmer als die Wehen, lässt sich nicht veratmen und strengt unglaublich an. Es ist so, als müsste ich „groß“, und zwar ganz dringend, aber dürfte über Stunden nicht.

Um 6:15 Uhr kommt Hebamme 1 wieder rein und sagt, dass sie meine Geburt leider nicht zu Ende begleiten könne, da nun Schichtwechsel sei. Sie geht. Rein kommt eine Frau, die sich als Hebammenschülerin vorstellt. Kurz darauf kommt Hebamme 2 dazu. Sie scheint die Supervisorin zu sein, allerdings wird die Geburt recht offensichtlich von der Hebammenschülerin geleitet. Mir fällt auf, dass die Hebammenschülerin viel zu Hebamme 2 schaut, wenn sie etwas mit mir bespricht, als wolle sie sich absichern. Es ist eine Ausbildungssituation. Beide messen vaginal nach: Da ist immer noch ein kleiner Rand. Mir wird eine andere Position nahegelegt, eine Position, in der mein Mann mich unterstützen kann. Ich hocke jetzt auf den Knien auf dem Kreissaalbett und schaue meinen Mann dabei an. Ich bin unglaublich angestrengt, Hebamme 2 geht weg, nun sind wir mit der Hebammenschülerin alleine. Langsam kann ich nicht mehr anhalten. Ich fange an zu weinen, das Anhalten des Pressdrangs macht mich einfach fertig. Nun, da Hebamme 2 nicht da ist, ändert sich der Ton der Hebammenschülerin: Ich empfinde sie als total angespannt, ihre Art als ungeduldig, fordernd und insgesamt wenig empathisch. Sie fragt mich in einem fast vorwurfsvollen Ton „WARUM weinst du?“, sagt an „Statt zu weinen solltest du pressen“.

Erst jetzt verstehe überhaupt, dass ich pressen soll. Bislang habe ich angehalten. Ich frage sie außer Atem „Soll ich jetzt pressen?“ Sie sagt mir „Pressen ja, aber nicht powerpressen.“ Ich weiß gar nicht, was Powerpressen ist. Ich schaue ins Gesicht meines Mannes, sehe, dass er auch wütend ist wegen des Tons. Ich denke, er sagt auch nichts, weil wir von der Hebammenschülerin ja abhängig sind und uns nicht mit der streiten wollen. Ich fange an zu pressen und bekomme unerträgliche Schmerzen im Rücken. Ich bin davon überzeugt, dass etwas in meinem Rücken kaputt gegangen ist, ich sage der Hebammenschülerin immer wieder unter Tränen „Da stimmt was nicht!“. Sie hält mich zum Pressen an. Ich presse unter schlimmsten Schmerzen, ich weine, presse, weine, presse, sage ihr unter Tränen, dass die Schmerzen nicht normal sind, dass ich so Schmerzen im Rücken habe. Sie erwidert immer wieder, dass sie die Schmerzen kennt, sie hat ja auch mehrere Kinder zur Welt gebracht. Ich schaue immer wieder durch den Raum, suche Hebamme 2. Sie ist nicht da. Zwischenzeitlich ist sie wieder da und spritzt die PDA auf, das bringt aber nichts. Ich nehme unter Tränen ihre Hand und flehe sie an „Bitte geh‘ nicht mehr weg.“ Ich solle mich auf die Seite legen, das bringt aber auch nichts. Ich sage ihr, dass ich einen Kaiserschnitt möchte, flehe sie an. Sie sagt mir, dass das für sie ein gutes Zeichen ist, dass ich das möchte, dass das alle Frauen sagen am Ende einer Geburt. Dann ist sie wieder weg. Ich betone der Hebammenschülerin gegenüber immer wieder „Hier stimmt was nicht. Ich will einen Kaiserschnitt.“ Sie hält mich weiter hin. Ich höre irgendwann auf zu pressen und weine nur noch. Ich bin hier ausgeliefert. Ich gebe auf. Ich bin in einem Krankenhaus und habe Todesschmerzen, aber keiner hört mich. Hebamme 2 kommt irgendwann wieder. Ich flehe meinen Mann an, mir zu glauben, dass irgendetwas nicht stimmt. Er sagt „Ich glaube dir.“ Hebamme 2 läuft los. Sie holt die Assistenzärztin. Diese macht nun einen Ultraschall und stellt fest, dass der Kopf falsch liegt und das Bein irgendwie auch- durch die Lage des Beins bekomme ich die Schmerzen beim Pressen.

Man müsse das Kind nochmal zurückdrücken und dann richtig rücken und dann könnte ich noch spontan gebären. Ich kann nicht mehr. Ich hatte recht. Ich bin so demoralisiert wie noch nie in meinem Leben. Ich flehe die Assistenzärztin an, das Kind via Kaiserschnitt zu holen. Ich will nur noch raus aus diesem Kreissaal und weg von diesen Hebammen. Sie gibt ihr okay, betont aber, dass sie das nicht entscheiden könne- es müsse erstmal eine Oberärztin kommen. Es kommt Oberärztin 1. Auch sie macht die gleiche Untersuchung wie die Assistenzärztin (unter Wehe muss ich pressen, sie sucht irgendwas am Kopf des Kindes) und bestätigt ihren Eindruck. Sie betont „Sie können noch spontan entbinden.“ Die Assistenzärztin sagt ihr, dass ich das nicht mehr wolle. Ich bin ihr so dankbar.

Mittlerweile hängt mein Kopf über dem Kreißsaalbett, mein Mann hält ihn. Sinnloserweise meint die Oberärztin 1 „Setzen Sie sich mal richtig hin, so bekommen Sie ja Rückenschmerzen.“ Sie zieht meinen gebärenden Körper ohne Vorwarnung in einem Ruck auf das Kreissaalbett. Ich möchte mich wehren, hab aber keine Kraft mehr, was zu sagen. Es ist demütigend. Rückenschmerzen sind nun das geringste Übel seien, wo ich körperlich am absoluten Tiefpunkt angekommen bin und gleich das erste Mal in meinem Leben operiert werde.

Mein Mann macht Oberärztin 1 an „Das spielt ja nun wirklich keine Rolle mehr!“. Sie sagen mir, dass sie den Chefarzt holen, damit er freigeben könne, dass ich vor einen anderen Kaiserschnitt geschoben werde. Der Chefarzt kommt, sagt „Oh, Frau XY“, sagt was zu den anderen. Man sagt mir, dass ich jetzt vor dem anderen Kaiserschnitt dran sei. In der ganzen Zeit der Untersuchungen und Absprachen habe ich immer noch Wehen und Schmerzen.

Gut gelaufen:

Die Assistenzärztin hat mich ernstgenommen. Sie hat meine starke Ermüdung nach mehreren Tagen Einleitung anerkannt. Zum Pressen wäre ich in dem Zustand nicht mehr fähig gewesen, u.U. hätten dann andere Maßnahmen ergriffen werden müssen, die noch stärker traumatisierend gewesen wären-

Schlecht gelaufen:

– Ich wurde in der Austreibungsphase alleine gelassen mit einer Hebammenschülerin. – Die Hebammenschülerin hat meine Schmerzen nicht ernstgenommen, sodass ich mich ausgeliefert gefühlt habe. Dieses Auslieferungsgefühl bedingt oft eine Traumatisierung. – Meine Schmerzen wurden nicht ernstgenommen, obwohl sie durch eine Fehllage des Kopfes und eines Verhacktseins des Fußes bedingt waren. – Die Hebammenschülerin war überfordert und nicht geschult in einfühlsamer Kommunikation.

Verbesserungsvorschläge:

– Bessere Schulung von Geburtshelfern hinsichtlich der Kommunikation und Verhalten unter Geburt. – Mehr Hebammen, sodass man nicht aus Hebammenmangel alleinegelassen wird.

Weitere Infos:

Keine Angaben

Präventionsmaßnahmen:

Was in solchen Situationen passieren kann

Eine Geburt ist eine außergewöhnliche körperliche und emotionale Ausnahmesituation – und eine, in der das Gefühl, gehört zu werden, von entscheidender Bedeutung ist. In dem hier geschilderten Fall erlebte eine Frau während der Austreibungsphase, also der Phase, in der das Kind durch aktives Pressen geboren wird, dass ihre wiederholten Hinweise auf ungewöhnliche Schmerzen zunächst nicht als mögliches Warnsignal aufgegriffen wurden. Tatsächlich lag eine Fehllage des Köpfchens und eines Fußes des Kindes vor – ein medizinischer Befund, der die beschriebenen Schmerzen erklärte und der schließlich durch eine Ultraschalluntersuchung erkannt wurde.

Situationen wie diese können in der Geburtshilfe entstehen, wenn Schichtübergänge, Personalengpässe und Ausbildungssituationen zusammentreffen. Es ist wichtig anzuerkennen, dass eine Gebärende in der Austreibungsphase nur sehr begrenzte Möglichkeiten hat, aktiv auf die Versorgung Einfluss zu nehmen – körperlich, emotional und situativ. Dass die betroffene Frau dennoch immer wieder auf ihre Schmerzen hingewiesen hat, war ein bedeutsamer Beitrag zur eigenen Sicherheit.

Was in einer ähnlichen Situation helfen kann

Eine Begleitperson kann in solchen Momenten eine wichtige Rolle übernehmen – nicht als Kontrollinstanz, sondern als ruhige Stimme, die das Erleben der Gebärenden nach außen trägt.

  • Die Begleitperson kann klar und ruhig einfordern, dass ein:e erfahrene:r Fachkraft hinzugezogen wird – zum Beispiel mit den Worten: „Meine Partnerin beschreibt Schmerzen, die sie als ungewöhnlich empfindet. Ich bitte darum, dass das nochmals ärztlich eingeschätzt wird.“ Das ist keine Kritik, sondern eine sachliche Rückmeldung.
  • Konkrete Symptombeschreibungen können helfen: Statt „Es stimmt etwas nicht“ ist es möglich, so präzise wie möglich zu formulieren – zum Beispiel: „Die Rückenschmerzen sind seit dem Pressen stärker geworden und gehen nicht weg.“ Konkrete Angaben erleichtern es dem medizinischen Team, Veränderungen einzuschätzen.
  • Der Wunsch nach einem Kaiserschnitt – also einer operativen Entbindung – ist ein Gesprächsangebot, das ausgesprochen werden darf. Es ist möglich, diesen Wunsch ruhig zu wiederholen und zu fragen: „Was spricht in meiner aktuellen Situation für oder gegen einen Kaiserschnitt?“
  • Im Vorfeld der Geburt kann es hilfreich sein, mit der begleitenden Person zu besprechen, welche Rolle sie im Kreißsaal übernehmen kann – etwa als Sprachrohr für die eigenen Bedürfnisse, wenn man selbst gerade nicht in der Lage ist, sich verständlich zu machen.

Worauf Sie achten können

  • In der Geburtshilfe ist es üblich und zulässig, dass Hebammenschüler:innen unter Aufsicht mitarbeiten. Es ist möglich, vor oder zu Beginn der Geburt zu fragen, wer an der Betreuung beteiligt ist und wer die fachliche Verantwortung trägt.
  • Schmerzen, die sich neu anfühlen, deutlich stärker werden oder die sich anders anfühlen als erwartet, dürfen jederzeit benannt werden – auch mehrfach. Das Ansprechen von Veränderungen ist kein Zeichen von Schwäche.
  • Eine Begleitperson kann im Vorfeld wissen, an wen sie sich im Kreißsaal wenden kann, wenn sie Unterstützung für die Gebärende benötigt – zum Beispiel an die diensthabende Ärztin oder den diensthabenden Arzt.
  • Wer eine Geburt erlebt hat, die sich traumatisierend angefühlt hat, kann im Anschluss psychologische Unterstützung in Anspruch nehmen – viele Geburtskliniken bieten Nachsorge- oder Nachbesprechungsgespräche an. Auch die Unabhängige Patientenberatung Deutschland (UPD) ist eine Anlaufstelle.

Sie sind nicht allein

Wenn Sie eine ähnliche Situation erlebt haben oder Fragen zu Ihren Rechten als Patient:in haben, steht Ihnen die Unabhängige Patientenberatung Deutschland (UPD) kostenlos und vertraulich zur Verfügung – telefonisch, online oder in einer Beratungsstelle in Ihrer Nähe. Auf mehr-patientensicherheit.de können Sie Ihre Erfahrungen anonym melden und damit dazu beitragen, dass andere von ähnlichen Situationen lernen können.

Hinweis: Die Vorschläge zu den Präventionsmaßnahmen wurden mit KI-Unterstützung erstellt. 

Infos zum Fall:

Perspektive: Patientin oder Patient
Alter: 30-49 Jahre
Art der Einrichtung:Krankenhaus, Kreißsaal, Operationssaal, Geburt, Krankenhaus
Geschlecht: weiblich

Vielen herzlichen Dank für Ihren wichtigen Fallbericht!

Jeder einzelne Bericht hilft die Patientensicherheit zu verbessern und konkrete Tipps daraus abzuleiten. Bitten haben Sie dafür Verständnis, dass wir aufgrund der hohen Fallzahlen nicht mehr alle Berichte veröffentlichen und individuell kommentieren. Wir sichten aber jeden einzelnen Bericht und aus jedem Fall nutzen wir wichtige Inhalte für unsere Tipps, Fokusfälle und Erklärfilme. Die bisher erstellten Dokumente auf Basis Ihrer Fälle finden Sie hier:

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