2026-071
Erfahrungsbericht einer Sepsis-Betroffenen (aus dem medizinischen Bereich)
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Sehr geehrte Damen und Herren,
zunächst möchte ich Ihnen herzlich für Ihre wichtige Aufklärungsarbeit danken. Ich hoffe sehr, dass Sie auch in Zukunft viele weitere Menschen erreichen und dass sich die Vor- und Nachsorge von Sepsis weiter verbessert.
Etwa anderthalb Jahre nach einer überlebten Sepsis möchte ich gerne meine Erfahrungen teilen. Zum Zeitpunkt der Erkrankung war ich Mitte 20 und studierte Medizin.
Nach einer anstrengenden Prüfungsphase fühlte ich mich plötzlich sehr krank. An einem Freitag bekam ich starke Kopfschmerzen, die sich durch Schmerzmittel nicht besserten, sowie ein ausgeprägtes, mir völlig unbekanntes Krankheitsgefühl. Über das Wochenende kamen hohes Fieber über 39 °C und Oberbauchschmerzen hinzu, sodass ich mich am darauffolgenden Montag entschloss, meinen Hausarzt aufzusuchen.
Dort wurde mir gesagt, dass „gerade wieder etwas herumgehe“, und mir eine Krankschreibung angeboten, die ich als Student jedoch nicht benötigte. Dort stelle ich fest, dass viele Hausarztpraxen kein Fieberthermometer besitzen: Man sagte mir, ich fühle mich „nicht fiebrig an“, messen konnte man es jedoch nicht. Ich solle wiederkommen, wenn es schlimmer werde oder Zeichen einer Appendizitis auftreten würden. Außerdem leide ich vermutlich unter viel Stress.
Als ich am nächsten Tag erneut vorstellig wurde, wurde ein Blutbild abgenommen. Dieses zeigte ein CRP von 130 mg/l sowie einen deutlich erhöhten Procalcitonin-Wert. Auch dies wurde relativiert – solche Werte könnten schließlich auch bei einer Influenza auftreten. Mir erschien das eigenartig, da ich keinerlei Erkältungssymptome hatte, sondern ausschließlich Kopfschmerzen und hohes Fieber.
Als Medizinstudierender hatte ich Rücksprache mit mehreren Ärztinnen und Ärzten. Die Einschätzungen gingen stark auseinander: Einige rieten mir dringend zur sofortigen Klinikeinweisung, andere hielten die Befunde für noch nicht „klinisch beeindruckend“ und empfahlen eine Verlaufskontrolle.
In der folgenden Nacht stieg mein Fieber auf 40 °C, begleitet von starkem Schüttelfrost. Da meinen Hausarzt am Folgetag auf Fortbildung war, suchte ich die Vertretung auf. Der Vertretungsarzt testete einen Meningismus, führte einen Abdomen-Ultraschall durch und beschrieb eine vermeintliche Nierenzyste. Ich gab keine Schmerzen beim Wasserlassen an. Er verschrieb mir dann ein Antibiotikum.
Ich wurde nach Hause gefahren. Wenige Stunden später begann ich unwillkürlich zu zucken, bekam starke Angst und Panik, sodass ich meinen Freund bat, den Notruf zu wählen. Ich erinnere mich noch an die Rettungssanitäter, die zunächst unsicher wirkten, wie sie mich einordnen sollten: beispielsweise hyperventilierte ich trotz normaler Sauerstoffsättigung. Danach erinnere ich mich nur noch an Bruchstücke. Laut meinem Freund versuchten sie meine Temperatur zu messen und forderten schließlich einen Notarzt nach, da das Fieber über dem Messbereich des Gerätes lag. An den Schockraum habe ich kaum Erinnerungen. Im Nachhinein kann ich vieles besser einordnen, doch im Zustand des Delirs hatte ich panische Angst, war völlig orientierungslos und wusste weder, wo ich war, noch warum. Ich hatte keinerlei Kontrolle über mich selbst.
Am Ende hatte ich großes Glück. Ich erhielt ein Carbapenem i. v. und wachte bereits am nächsten Tag auf der IMC-Station auf. Es folgten zehn Tage stationärer Aufenthalt mit der Verdachtsdiagnose einer Urosepsis. Die zuvor beschriebene „Nierenzyste“ stellte sich als Nierenabszess heraus. Nach der Entlassung musste ich noch mehrere Wochen hochdosierte Antibiotika einnehmen.
Damals konnte ich nicht verstehen, warum all das passiert war. Heute frage ich mich, warum die Sepsis so lange nicht erkannt wurde – und auch, warum ich selbst nicht einmal an eine Sepsis gedacht habe. Mitten im Studium weiß man sicher noch nicht viel, aber ich bin überzeugt, dass mein heutiges Bewusstsein für Sepsis groß ist.
Das erste halbe Jahr nach der Sepsis war anstrengend. Wenn ich Erfahrungsberichte anderer Betroffener lese, weiß ich, wie viel Glück ich hatte. Anhaltend blieben lediglich eine ausgeprägte Müdigkeit sowie gelegentliche Panikattacken – etwa beim Hören von Sirenen oder beim Sehen von Blaulicht. Zudem hatte ich wiederkehrende Albträume vom Delir.
Ich gehöre vermutlich zu den etwa 25 % der Betroffenen ohne bleibende Langzeitfolgen. Ich studiere inzwischen wieder regulär weiter und arbeite gerne in der Inneren Medizin. Vielleicht habe ich heute die Tendenz, Laborwerte etwas zu überinterpretieren – wohl wissend, dass immer auch der klinische Zustand zählt. Dennoch wünsche ich mir sehr, in meiner späteren Tätigkeit als Arzt dazu beitragen zu können, dass solche Verläufe früher erkannt und verhindert werden.
Vielen Dank, dass Sie Betroffenen eine Stimme geben.
Mit freundlichen Grüßen
Dieser Bericht einer jungen Frau, die eine Sepsis erlebt und überlebt hat, zeigt eindrücklich, wie sich eine lebensbedrohliche Erkrankung schleichend entwickeln kann – und wie schwer sie in frühen Stadien zu erkennen ist. Eine Sepsis (auch bekannt als Blutvergiftung) ist eine lebensbedrohliche Reaktion des Körpers auf eine Infektion und zählt weltweit zu den häufigsten Todesursachen. Sie kann Menschen jeden Alters treffen – auch junge, gesunde Personen ohne Vorerkrankungen.
Im geschilderten Fall lagen über mehrere Tage hinweg deutliche Warnsignale vor: anhaltendes hohes Fieber, starkes Krankheitsgefühl und Oberbauchschmerzen. Die Situation spitzte sich erst in einer Notfallphase mit Delir zu – einem Zustand akuter Verwirrtheit, in dem die Betroffene keinerlei Kontrolle über sich selbst hatte. In diesem Stadium war ein eigenständiges Handeln nicht mehr möglich. Umso bedeutsamer ist, was sich in den Tagen davor beobachten und ansprechen lässt.
Wer sich ungewöhnlich krank fühlt und das Gefühl hat, dass etwas nicht stimmt, kann diese Wahrnehmung aktiv einbringen – auch wenn die Symptome zunächst unspezifisch wirken.
Hinweis: Die Vorschläge zu den Präventionsmaßnahmen wurden mit KI-Unterstützung erstellt.
Jeder einzelne Bericht hilft die Patientensicherheit zu verbessern und konkrete Tipps daraus abzuleiten. Bitten haben Sie dafür Verständnis, dass wir aufgrund der hohen Fallzahlen nicht mehr alle Berichte veröffentlichen und individuell kommentieren. Wir sichten aber jeden einzelnen Bericht und aus jedem Fall nutzen wir wichtige Inhalte für unsere Tipps, Fokusfälle und Erklärfilme. Die bisher erstellten Dokumente auf Basis Ihrer Fälle finden Sie hier:
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